Historische Zeitschrift (Apr 2025)
„Kosmopolitischer Idealismus“ und „nationale Realpolitik“ Aspekte der Sicherheitspolitik der deutschen Liberalen zur Mitte des 19. Jahrhunderts
Abstract
In der Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgten die gebildeten Deutschen das Weltgeschehen mit großer Aufmerksamkeit. Unter dem Einfluss zahlreicher internationaler Krisen und Kriege begannen sie, die Stabilität der internationalen Ordnung und die Dauerhaftigkeit des Friedens in Frage zu stellen. Die Hoffnung auf einen langen und gerechten Frieden nach 1815 schwand in den 1840er Jahren schnell. Der Aufsatz zeigt die Reaktion der deutschen Liberalen mit ihren realistischen und internationalistischen Ideen auf, wie sie ihre Überlebenschancen in der Welt, die sie als zunehmend räuberisch wahrnahmen, verbessern konnten. Die Geschichtsschreibung hat diese Reaktion vernachlässigt, obwohl sie im Deutschen Bund und in anderen europäischen Ländern weit verbreitet und ihre Bedeutung für die Herausbildung geopolitischer Ambitionen, die im selben Jahrzehnt ihren Ursprung hatten, für den Rest des Jahrhunderts von großer Bedeutung war. Der Sieg der realistischen Haltung gegenüber der internationalen Politik gab nicht nur Liberalen, sondern vielen Deutsche Anlass, sich Realpolitik, Imperialismus, Kolonialismus und nationalem Chauvinismus zuzuwenden. All dies schien jedoch zu Beginn dieses Prozesses weder beabsichtigt noch erwünscht, stellte er doch eine einfache Reaktion darauf, was die Zeitgenossen als Defizite der postnapoleonischen Ordnung ansahen. Die Sicherheitsperspektive, die anstelle des „traditionellen“ Konzepts des Nationalismus als methodische Grundlage herangezogen wird, trägt zur Klärung der Frage bei, wie sich der Realismus bei denjenigen durchsetzen konnte, die nicht nur einen dauerhaften Frieden, sondern auch eine gesamteuropäische Zusammenarbeit, oft sogar die Schaffung internationaler Organisationen, befürworteten. Selbst die Männer, die heute als eiserne Realisten und Verfechter der Realpolitik gelten, lehnten internationalistische Lösungen nicht ab. Es war ihre negative Wahrnehmung des Zustands der internationalen Politik, die sie von der Notwendigkeit überzeugte, ein mächtiges, Mitteleuropa beherrschendes Deutschland mit starken Streitkräften zu schaffen, das in der Lage war, seine Grenzen zu erweitern und überseeische Kolonien zu gründen. Aus demselben Grund nahmen auch die Anhänger der kleinen organisierten Friedensbewegung in Deutschland eine ähnlich realistische Haltung ein.
Keywords